08.10.2019 - Ferkelkastration: Bauern erhöhen den Druck

Verden WebsiteDas Thema „Zukunft der Ferkelkastration“ ist und bleibt ein heiß diskutiertes Eisen, bei dem allen Beteiligten die Zeit davonrennt. Dennoch sind alle Branchenvertreter gewillt, Lösungen zu finden und sich der Diskussion zu stellen. Das wurde bei der gestrigen Fachtagung „Ferkelkastration: Zeit für Antworten!“ deutlich. Eingeladen hatten die Fachzeitschriften top agrar und SUS, der Bundesverband Rind und Schwein (BRS) sowie das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland (aef) in Verden a.d. Aller. Klar wurde aber auch, dass die Bauern die Hängepartie so nicht mehr hinnehmen wollen, sie kündigten mehr Widerstand an und legten den Entwurf einer Branchenvereinbarung auf den Tisch.

Spaltung des Ferkelmarktes verhindern
Georg Freisfeld, stellvertretender Geschäftsführer des Erzeugerringes Westfalen, betonte, dass die Kette endlich geschlossen handeln müsse. „Das Schwarze-Peter-Spiel, bei dem jeder die Schuld auf den anderen schiebt, muss ein Ende haben. Andernfalls sehe ich die Gefahr, dass die Ferkelerzeugung in Deutschland ausstirbt“, so Freisfeld. Der Landwirt warnte zudem vor einer Marktspaltung. Männliche Ferkel dürfen künftig nicht abgewertet werden, nur weil sich der Erzeuger für eine bestimmte Kastrationsalternative entschieden hat.

Dietrich Pritschau, Landwirt und stellvertretender Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, ist es ebenfalls leid, weiter abzuwarten. Er ist aus der Kastration ausgestiegen und setzt jetzt auf die Immunokastration. „Ich will nicht mehr nur diskutieren, sondern Fakten schaffen. Für meinen Betrieb ist die Behandlung der Tiere mit Improvac eine praktische Alternative, die sehr gut funktioniert“, berichtete der Unternehmer. Vorteile sieht er darin, dass er kein teures Narkosegerät anschaffen muss und jederzeit in das Verfahren ein- und aussteigen kann. Angst, dass er auf seinen Schweinen sitzen bleibt, hat der Landwirt nicht.
Rewe und Aldi Nord: „Wir akzeptieren alle Verfahren!“

Nina Blankenhagen, Funktionsbereichsleiterin Nachhaltigkeit bei der Rewe Group, bestätigte die Aussagen Pritschaus. Sie erklärte in Richtung der gut 200 Teilnehmer, dass Rewe jede in Deutschland zugelassene Kastrationsalternative akzeptiere. „Wir kaufen das Fleisch von allen männlichen Tieren, egal mit welchem Verfahren die Schweine kastriert wurden. Auch eine Mengenbegrenzung setzen wir nicht“, stellte Blankenhagen klar. Sie betonte ausdrücklich, dass auch der Verbraucher keine Probleme mit den verschiedenen Alternativen habe. „Der Kunde möchte gar nicht wissen, wie das Tier kastriert wurde. Viel wichtiger ist ihm, dass die Ware eine top Qualität hat und schmeckt“, räumte Blankenhagen mit Vorurteilen auf. Maxi Thinius, Managerin Corporate Responsibility bei Aldi Nord, bestätigte Blankenhagens Sicht. „Für Aldi ist die Produktqualität das Einkaufskriterium Nr. 1, danach folgen die Zuschnitte. Erst an dritter Stelle steht für uns die Frage der Kastrationsmethode. Ausdrücklich akzeptieren wir alle zugelassenen Kastrationsalternativen“, so Thinius. Insbesondere Nina Blankenhagen riet allen Beteiligten dazu, endlich aus der Projektphase herauszutreten und mehr Jungeber, immunokastrierte Tiere oder mit Isofluran narkotisierte Schweine zu liefern.

Jetzt aus der Kastration aussteigen!
Dirk Schulze Pellengahr, Sauenhalter aus Westfalen, nahm das zum Anlass und forderte seine Berufskollegen auf, jetzt aus der Kastration auszusteigen. „Der Zeitpunkt ist günstig, da der Markt für Schweinefleisch momentan flott läuft. Lasst uns jetzt aufhören zu kastrieren“, appellierte der Ferkelerzeuger. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, präsentierte er gleich eine Branchenvereinbarung, in der er von den Abnehmern in der Kette unter anderem die kompromisslose Annahme und Vermarktung der Produkte auch von männlichen Tieren forderte. „Wenn es den Branchenbeteiligten wirklich ernst ist, bekennen sie sich jetzt zu den Alternativen und schließen mit den Bauern einen Abnahmepakt“, so Schulze Pellengahr. Unterstützung erhielt der Landwirt unter anderem von Heiko Plate, Geschäftsführer des VzF in Uelzen. „Wir Bauern brauchen Garantien“, so Plate.

Stehen die Fleischverarbeiter auf der Bremse?
Etwas schwerer scheint sich weiterhin die Schlachtbranche mit dem Thema zu tun. Dr. Stephan Kruse von Vion verwies auf die unterschiedlichen Qualitäten der Schlachtkörper. Das hemmt nach wie vor die Akzeptanz im Markt, verwies er auf die angeblich weiterhin bestehende Zurückhaltung einiger Fleischverarbeiter und Lebensmittelhändler. Heribert Qualbrink, Einkaufsleiter bei Westfleisch befürchtet, dass die Unternehmen der Fleischverarbeitung zum Beispiel Schinken ist Zukunft nach weiblich, Kastrat, Improvac und Eber sortieren müssen, weil die Abnehmer das so wünschen. „Aus dieser Zwickmühle müssen wir raus, wir müssen die Produktqualität in den Vordergrund stellen“, so Qualbrink. Probleme sehen die Schlachter und Fleischverarbeiter zudem darin, dass die Schlachtkörper inzwischen in weit über 100 Einzelstücke zerlegt werden. Wenn die Discounter zum Beispiel Schinken von Jungebern ordern, wissen die Verarbeiter oft nicht, wie sie die übrigen Teilstücke absetzen sollen. Einfacher wäre es aus Sicht der Verarbeiter, wenn man ganze Schweinehälften an den Lebensmitteleinzelhandel verkaufen könnte. In diesem Fall würden die Unternehmen die Teilstücke in ihren Fleischcentern selbst verarbeiten.

Um jeden Ferkelerzeuger kämpfen
BRS-Vorstand Paul Hegemann machte am Ende der Veranstaltung deutlich, dass es oberstes Ziel aller Beteiligten sein müsse, jetzt um jeden Ferkelerzeuger in Deutschland zu kämpfen. „Wenn die Kette vom Stall bis zur Ladentheke jetzt nicht erkennt, wie ernst die Lage ist, steigen insbesondere die kleineren Ferkelerzeuger reihenweise aus“, warnte Hegemann vor einem Strukturbruch.