11.12.2019 - Klimaschutz braucht ein Gesamtkonzept

IMG 8478Welche Anstrengungen unternimmt die Agrar- und Ernährungswirtschaft des Oldenburger Münsterlandes in Sachen Klimaschutz und Welternährung? Wo liegen die Potentiale und welche politischen Rahmenbedingungen sind gefordert? Diesen Fragestellungen wurde vor rund 100 Teilnehmern am 11.12.2019 im Gasthaus Jansen mit zahlreichen Branchenexperten und Wissenschaftlern nachgegangen. Dazu eingeladen hatten das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland unter Vorsitz des ehemaligen nds. Landwirtschaftsministers Uwe Bartels sowie die Fachzeitschrift top agrar, dessen Chefredakteur, Matthias Schulze Steinmann, die Moderation übernommen hatte.

Gleich zu Beginn machten der Cloppenburger Landrat Johann Wimberg und der AEF-Vorsitzende Bartels deutlich, dass der wirtschaftliche Erfolg der Region auf dem Geschäftsmodell des einzigartigen Agribusiness-Clusters fußt. Gerade das Geschäftsmodell dieser Region, so Wimberg, müsse nun die Chance nutzen, zur Lösung der Herausforderungen sich bundesweit an die Spitze zu stellen. Unterstützt wird diese Aussage von Bartels, der die Anstrengungen der Branche lobte, pro-aktiv und mit innovativen Ansätzen die Erwartungen der Gesellschaft und Politik bei der Klima- und Tierwohldebatte zu erfüllen. Das AEF habe kürzlich für die Landesregierung Niedersachsen ein Maßnahmenpapier zum Klimaschutz erarbeitet. Bartels mahnte in Richtung Politik, die jeweiligen Ressortegoismen zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium schnellstmöglich beizulegen, eine klare Zielvorgabe für die künftige Ausrichtung der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu erarbeiten, eine Neujustierung der sich behindernden Gesetze vorzunehmen und die entsprechende Finanzierung zu regeln.
Prof. Dr. Harald von Witzke relativierte in seinen Ausführungen die Forderungen der Gesellschaft auf eine extensive Landwirtschaft zu setzen. Das Klima sei eine globale Allmende. Eine Verringerung der Produktion in Deutschland würde zwar die direkten Emissionen verringern, aber über die indirekten Emissionssteigerungen zu einer weltweiten landwirtschaftlichen Steigerung der CO2-Emissionen beitragen. Daher müsse die landwirtschaftliche Produktion auf Effizienzsteigerungen setzen, die weitaus wenige CO2-Emissionen freisetzten als eine ökologisierte Landwirtschaft. Gerade durch die züchterischen Erfolge bei der Futterverwertung, z.B. bei der Geflügelfleischproduktion in Deutschland, konnte zwischen 1990 und 2015 die weltweite Flächenausdehnung um mehr als 200.000 ha verringert werden.

Prof. Dr. Hensel, Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung, brachte den Zuhörern das komplexe Thema Gentechnik sowie die neue Methode „Genom-Editing“, die sog. „Genschere“ näher. Diese gentechnische Modifikation arbeite viel präziser als die klassische Züchtungsmethode. Mittels dieses chirugischen Verfahrens sei man in der Lage, z.B. gezielt Gene miteinander zu verknüpfen oder herauszuschneiden Zugelassen sei diese Technik bereits in zahlreichen außereuropäischen Ländern. Hensel konstatierte, dass die EU bei dieser Technik als „Provinz“ gelte und weltweit gesehen den Anschluss zu verlieren drohe, sollte die EU nicht rechtzeitig juristisch eine positive Einstufung des Gentechnikgesetzes vornehmen. Den Ängsten der Gesellschaft müssten durch wissenschaftliche Aufklärungen begegnet werden.  

In drei Podiumsdiskussionen wurden in Bezug auf die Klimadebatte thematisch die Aspekte „Mehr Klimaschutz: Landwirtschaft als Teil der Lösung“, „Züchtungsmethoden“ sowie „Stallbau-Innovationen“ beleuchtet.
Dr. Johannes Wilking, Vorsitzender des Kreislandvolkverbandes Vechta, lobte die bisherigen Anstrengungen der Landwirte in Sachen Klimaschutz. Diese hätten „qua Beruf“ schon ein gesteigertes Interesse an Klimaschutz. Die Landwirtschaft speichere schon heute enorme Mengen an CO2. Diese Erfolge, so Wilking, müssten sich in den Berechnungen des CO2-Fußabdruckes positiv niederschlagen. Der Vertreter des NABU, Dr. Donal Murphy-Bokern kritisierte die von der Landwirtschaft weltweit erzeugten Treibhausgasemissionen und forderte eine flächengebundene Tierhaltung. Schon heute liege der Pro-Kopf-Verzehr von Fleischprodukten weltweit bei 50 kg; eine für ihn viel zu hohe Zahl. Er sehe eine Lösung in der Verlagerung der Fleischproduktion in osteuropäische Länder, da in Deutschland in Bezug auf die Nitratproblematik die ökologische Grenze bereits erreicht sei.

Dr. Michael Lüke von der EW-Group wies auf die züchterischen Erfolge bei der Geflügelproduktion hin. Am Beispiel eines Broilers machte er deutlich, dass ein zwei Kilo schwerer Broiler heute in seiner Lebenszeit zwei Kilo weniger Futter benötige und die Geflügelwirtschaft damit einen positiven Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen beitrage.
Marcel Meyer von KWS mahnte, dass - bei einer Beibehaltung des heute geltenden Gentechnikgesetzes - Deutschland einen hohen Wettbewerbsnachteil auf dem globalen Markt erfahre. Die aktuellen Züchtungstechniken in der Pflanzenzucht seien nicht mehr ausreichend, um auf dem Weltmarkt erfolgreich agieren zu können.

Auch Peter Wesjohann wünscht sich eine Anpassung des geltenden EU-Rechts, damit alternative Proteinquellen an Tiere verfüttert werden dürfen. Insektenmehle, z.B. dürften weltweit überall eingesetzt werden, außer in Europa. Hier sei eine Aufhebung der gesetzlichen Restriktionen dringend notwendig, auch um die Importe von Sojaschrot zu reduzieren. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung und der verstärken Nachfrage nach Eiweißen, müssten sowohl die pflanzliche als auch die tierische Produktion von Proteinquellen, ihre Berechtigung behalten.
Bei der Tierwohldebatte setzt das Unternehmen Big Dutchman seinen Fokus auf die Entwicklung von tierwohlgerechten Ställen, so Dr. Ralf Kosch. Durch neue Haltungssysteme würden CO2-Emissionen gemindert. Problematisch sei der Umbau zu neuen Haltungssystemen; es widersprächen sich Bau- und Emissionsrecht. Obwohl zahlreiche Landwirte Veränderungswillen beim Tierwohl zeigen und Stallumbauten durchführen lassen möchten, gäbe es derzeit einen „Stand-Still“ beim Stallbau, da eine verbindliche Rechts- und Planungssicherheit fehle.

Abschließend machte Bartels deutlich, dass es seitens der politischen Ebene aus Berlin noch zu keiner Antwort gekommen sei. Was die Landwirtschaft benötigt, sei eine nationale Nutztierstrategie. Dazu haben die ISN, der ZDG, der Bauernverband sowie das AEF dem Leiter des BMEL-Kompetenzkreises, Ex-Minister Borchert, ein entsprechendes Maßnahmenpapier überreicht. Vorgesehen sei, dass Borchert im Februar seine Strategie der Bundesministerin vorlegen wird. Auch verlangte Bartels einen durch die Bundeskanzlerin moderierten Dialogprozess zur Festlegung klarer Zielbilder für die Landwirtschaft der Zukunft. „Dieser Schwebezustand ist unzumutbar für die Landwirtschaft. Wir haben alles Notwendige unternommen. Der Ball liegt jetzt bei der Politik“, so das Schlusswort Bartels.