05.11.2015 - Verbraucher kauft gemäß psychischer Verfassung

Bild1Wie kommen die Widersprüche am Markt und beim Kauf von Fleischprodukten zustande? Und warum setzen sich gelabelte Produkte, die einen höheren Tierschutz-Standard aufweisen, am Markt nicht konsequent durch? Zu diesen Fragestellungen nahm Dr. Johannes Simons von der Universität Bonn und Marktforschungsexperte für die Agrar-und Ernährungswirtschaft am 05.11.2015 vor ca. 85 Teilnehmern in der Volksbank Vechta Stellung. Eingeladen dazu hatte das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland.

In Richtung des Dauerbrenners „Tierwohl" gebe es derzeit, so der AEF-Vorsitzende und ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels in seiner Eingangsrede, bundesweit einen Wettlauf an Maßnahmen und Ankündigungen von Seiten der Politik und vieler Verbände. Bereits vor einem Jahr hatte das AEF vor überschnellem Aktionismus gewarnt und konstatiert, dass sich die Branche bereits heute auf dem Weg eines nationalen Alleinganges befände. Die Folge seien eine Abwanderung der Produktion in andere Länder und die Beschleunigung des Strukturwandels. Vor diesem Hintergrund, so Bartels, seien eine gezielte Folgenabschätzung und eine dauerhafte Honorierung der Tierwohl-Maßnahmen erforderlich. Er stellte deutlich in Frage, ob diese Mehrleistungen über den Preis zu erzielen sind. Auf Empfehlung des AEF erarbeite die Landesregierung nunmehr einen „Masterplan zur nachhaltigen Nutztierhaltung". Daran mitarbeiten sollen alle relevanten Ministerien, Institutionen und Verbände.

Dr. Johannes Simons machte den Zuhörern auf anschauliche Weise deutlich, wie der Verbraucher beim Kauf handelt, nämlich nicht schizophren, sondern schlau und alltagstauglich. Obwohl 84% der Verbraucher erklärten, ihnen sei tiergerechte Haltung wichtig, so entscheide er im Supermarkt gemäß seiner psychischen Verfassung. Der Mensch und Verbraucher beherrsche hier die Kunst der Verdrängung. Erschreckende Bilder über Tierleid seien in dem Kopf des Verbrauchers im Supermarkt nicht präsent. Auch kaufe er kein totes Tier, sondern vielmehr ein Stück Fleisch. Der frühere CMA-Slogan „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft" gelte heute noch immer. Das zeigen auch die konstanten Zahlen bei dem Pro-Kopf-Verzehr in Deutschland. Die Leute tun eben nicht das, was sie sagen. Wenn Bilder allerdings eine zu hohe Macht erzielen und sich in den Köpfen der Verbraucher manifestierten, so Dr. Simons, sei der Verdrängungsprozess ein psychologischer Kraftakt. Gerade heranwachsende Generationen nutzten das vielfältige Angebot an Veggie-Produkten. Ob sich diese Produkte am Markt allerdings dauerhaft durchsetzen, sei unklar. Fleischerzeugnisse aus tierwohlgerechter Haltung lassen sich, so lässt Dr. Simons vermuten, nicht über hohe Preise finanzieren.

Und genau aus diesem Grund, so schließt Bartels mit den Worten die Veranstaltung, sei eine staatliche Förderung für eine Produktion nach Tierschutz-Standards erforderlich. Dieses Ansinnen solle sich, so Bartels, auch in dem Konzept des „Masterplans für nachhaltige Nutztierhaltung" wiederfinden.